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Alarmierende Faktenlage

Der dramatische Insektenschwund und seine Auswirkungen

Insektenbekämpfung hat Tradition

Leider haben wir den enormen Schwund der Insekten erst sehr spät bemerkt.

Seien wir ehrlich, bislang wurden Insekten von Menschen meistens bekämpft. Dies sehen wir schon am Begriff „Insektenschutz“. Bisher ist damit der Schutz des Menschen vor Insekten gemeint und nicht etwa der Schutz von Insekten. Ob Mücken, Raupen, oder Käfer – Tötung, Vertreibung und Bekämpfung von Insekten hat Tradition. In der klassischen Landwirtschaft ist schon lange von „Schädlingen“ die Rede, die eine Ernte durchaus ruinieren können.

Dies hat dazu geführt, dass Insekten lange ohne Rücksicht auf ihren Bestand bekämpft wurden. Die Karriere der „Nützlinge“ begann hingegen wesentlich später. Zum Glück nimmt deren Bedeutung seit einigen Jahren immer weiter zu. Der beginnende Imagewandel der Insekten gibt zumindest Grund zu Optimismus. Die Zeiten, in denen es Insekten im Überfluss gab, die man scheinbar folgenlos bekämpfen konnte, sind nämlich vorbei.

Schwierige Lebensbedingungen

Für den Insektenschwund gibt es zahlreiche Gründe.

Obwohl das viele Menschen denken, gehören landwirtschaftliche Flächen, wie zum Beispiel Mais- oder Weizenfelder, grundsätzlich nicht zu den für Insekten geeigneten Lebensräumen. Das Gegenteil ist der Fall. Denn neben ihrer Bekämpfung in der Landwirtschaft, leiden Insekten auch unter den riesigen Monokulturen, die nicht ausreichend Nahrung bieten und dem übermäßigen Einsatz von Kunstdüngern. Dazu kommt die Fragmentierung der verbliebenen Lebensräume, also ihre Zerstückelung in kleine unzusammenhängende Fleckchen.

Lebensräume für Insekten werden bisher allenfalls beim Greening für Landwirte berücksichtigt. Und selbst dabei geht es eigentlich um die Verbesserung der Bodenqualität. Manche Umweltexperten sprechen davon, dass Greening in Wirklichkeit nur eine Form von „Greenwashing“ für den angeschlagenen Ruf der Landwirtschaft sei.
Wir müssen also genauer hinsehen, um Räume zu finden, die wirklich für Insekten geeignet sind.

Die intensive Landwirtschaft ist aber nicht alleine Schuld am Insektensterben. Wir haben die Flächennutzung allgemein dermaßen intensiviert, dass insgesamt wenig Lebensraum für Insekten bleibt. Er schwindet zugunsten von Flächen für Gewerbe, Verkehr und Wohnungsbau. Jeden Tag versiegeln wir neue 67 ha Land und verbrauchen damit Fläche, die früher Insekten beherbergte.
Hinzu kommt unser Hang zur Ordnung. Wir planen Städte und Parks noch immer ohne Rücksicht auf Lebensräume für Insekten und legen riesige Rasenflächen an, die nicht blühen. So bleibt für wilde Blühpflanzen immer weniger Platz.

Nicht zuletzt trägt auch unser Verhalten im privaten zur aktuellen Krise bei. Als es noch keine Rasenmäher-Roboter gab, blieb immerhin ein Fenster von ein bis zwei Wochen, in dem sich mal Gänseblümchen entwickeln konnten.  Vollautomatische Roboter mähen fast täglich. In der kurzen Zeit ist es unmöglich, eine Blüte zu bilden.

Aktuelle Publikationen

Zusammenfassung wissenschaftlicher Quellen
und weiterführende Links

Der Paukenschlag

„Mehr als 75 Prozent Verlust an Biomasse bei Fluginsekten.“

Am 18. Oktober 2017 publiziert das Wissenschaftsmagazin „PLOS ONE“ eine Studie mit dem Titel „More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas“[1]. Ehrenamtliche Mitglieder des Entomologischen Verein Krefeld haben dafür im Zeitraum von 1989 bis 2015 Daten von über 60 Standorten gesammelt und ausgewertet. Die Vereinsmitglieder sind erfahrene Insektenkundler und überwiegend ausgebildete Naturwissenschaftler.

Über einen Zeitraum von 16.908 Tagen wurde mit Insektenfallen ein umfangreicher Datensatz über die Insektenbiomasse mit 1.503 Datenpunkten ermittelt. Die Durchführung und statistische Analyse wurde von renommierten Wissenschaftlern der University of Sussex (England) und Radboud University (Niederlande) begleitet. Der ermittelte Verlust an Insekten ist nicht spezifisch für bestimmte Biotoptypen sondern betrifft das ganze Offenland.

Obwohl die untersuchten Flächen Schutzgebiete waren, vermuten die Autoren der Studie die Ursachen in der Landwirtschaft. Über 90 Prozent der untersuchten Schutzgebiete sind von konventioneller Landbewirtschaftung umgeben. Eine direkte und indirekte Beeinträchtigung der Insekten liegt daher nahe. Schließlich bleiben die Fluginsekten nicht in den Schutzgebieten, sondern haben Aktionsradien von mehreren hundert Metern. Der massive Einsatz von Pestiziden, wie Neonikotinoiden oder Pyrethroiden, und synthetische Mineraldünger machen den Insekten zu schaffen. Hinzu kommen zu enge Fruchtfolgen und das häufige Mähen von Grünland. [2]

Wenn die Insektenbiomasse aber schon in Naturschutzgebieten so stark zurückgeht, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Beeinträchtigung von Insekten in Gebieten mit intensiver Landwirtschaft noch drastischer ist.

Beunruhigendes vom Umweltbundesamt

„Der Anteil an Flächen mit hohem Naturwert geht kontinuierlich zurück“

Im jährlichen Bericht „Umwelt und Landwirtschaft“ des Umweltbundesamtes werden aktuelle Entwicklung und Tendenzen dokumentiert. Dass die große Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten eine wesentliche Voraussetzung für die Lebensgrundlage des Menschen ist, stellt die Publikation gleich zu Anfang der Ausgabe von 2018 im Kapitel „Biologische Vielfalt“ klar.

Landwirtschaft ist größter Flächennutzer

Der Landwirtschaft kommt als größter Flächennutzerin eine wichtige Verantwortung für den Erhalt biologischer Vielfalt zu. Es wurden bisher schon zahlreiche problematische Aspekte identifiziert, wie beispielsweise der hohe Nährstoffeintrag in die Böden.
Durch den vermehrten Anbau von Energiepflanzen hat sich die Situation verschärft. Mit Verweis auf zahlreiche Studien stellt das Umweltbundesamt fest, dass Pflanzenschutzmittel eine der Hauptursachen für den Rückgang der biologischen Vielfalt sind.

Für den Schutz und die Erhaltung der Artenvielfalt hält die Publikation Grünland für besonders wichtig. Dazu gehören neben Brachen und Flächen wie Streuobstwiesen, Weideland und Wiesen die der Gewinnung von Biomasse dienen. Durch den Verlust von Grünland und die Intensivierung der Nutzung dieser Flächen gehen wertvolle Lebensräume für gefährdete Tiere und Pflanzen verloren. So sind bereits jetzt 44% aller auf Grünland vorkommenden Arten gefährdet oder bereits verschwunden.

Ursachen für den Schwund von Grünland

Als Gründe für den Verlust von Grünland führt die Publikation zunächst die niedrigen Milchpreise an, wodurch landwirtschaftliche Betriebe ihren Rinderbestand reduzierten. Nicht mehr benötigte Grünlandflächen wurden daraufhin für die Versorgung des Viehs und für den Anbau anderer Kulturarten genutzt.

Einen weiteren entscheidenden Faktor, der die Umwandlung von Grünland in Acker verstärkte, sehen die Autoren im Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG), welches mit seinen Förderinstrumenten den vermehrten Anbau von Biomasse bewirkte. Daten verschiedener Bundesländer aus dem Jahr 2009 zeigen, dass Mais mit über 50 % die dominante Flächennutzung nach einer Grünlandumwandlung in Ackerland ist. Zwar wurden die Einspeisevergütungen für Biogasanlagen mit der Novellierung des EEG stark gekürzt.

Aufgrund des 20-jährigen Bestandsschutzes für vorhandene Biogasanlagen bleibt die Nachfrage nach landwirtschaftlich erzeugter Biomasse jedoch weiterhin auf hohem Niveau. So ging etwa alleine in NRW die Gesamtfläche des Dauergrünlandes von etwa 462.000 in 2003 auf 392.000 im Jahr 2016 um 70.000 Hektar zurück. Eine Tendenz, die sich in dieser Zeit zudem über alle Bundesländer hinweg beobachten ließ.

Aber damit nicht genug, Grünland dient auch weiterhin als „Flächenreserve“, sowohl für Verkehrsflächen als auch zur Kompensation von verlorenen Ackerflächen. Daher ist zu erwarten, dass Grünland auch künftig stark unter Druck stehen wird, deshalb betont das Umweltbundesamt an dieser Stelle die Wichtigkeit von wirksamem Grünlandschutz.

Ziele werden bisher verfehlt

So zum Beispiel der Anteil an (für Biodiversität) wertvollen Agrarflächen. Die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt der Bundesregierung hat als Ziel, den Flächenanteil (naturschutzfachlich) wertvoller Agrarbiologie im Zeitraum 2005-2015 um 10 % zu steigern (BMU 2007).

Dieser Indikator bilanziert den Anteil der Landwirtschaftsflächen mit hohem Naturwert an der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche. Er sollte bis 2015 mindestens 19% betragen. Mit 11,4 % wurde das Ziel um 7,6 % verfehlt. Insgesamt zeigen die Statistiken einen stetigen Rückgang von Flächen mit hohem Naturwert.

Klassifizierung von Flächen nach ihrem Naturwert

Zur Klassifizierung von Landschaften im Hinblick auf ihre Biodiversität wurde für den Naturwert von Flächen der „High Nature Value“ (HNV) eingeführt. Der Wert wird anhand von Stichproben ermittelt. Es gilt:

HNV 1: äußerst hoher Naturwert
HNV 2: sehr hoher Naturwert
HNV 3: mäßig hoher Naturwert

In den Jahren von 2009 bis 2015 ging der Anteil an Landwirtschaftsflächen mit hohem Naturwert kontinuierlich zurück. Ihr Anteil sank von 13,1 % auf 11,4 %, ein relativer Rückgang von über zehn Prozent. Damit entfernte sich der Indikatorwert weiter vom Zielwert. Die stärksten Rückgänge betrafen dabei HNV-Äcker, -Brachen und -Grünland.

Brachen und Stilllegungsflächen

Brachen und Stilllegungsflächen spielen eine wichtige Rolle für die Artenvielfalt. Sie bieten Nahrung, Schlafplätze, Nist- und Rückzugsräume. All diese Dinge fehlen bei intensiv genutzter Landwirtschaft. Stilllegungsflächen sind Flächen, die nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden, auch nicht für Biomasseerzeugung. Nachdem die EU-Kommission in 2007 beschloss die subventionierte Flächenstilllegung einzustellen, sank der Anteil an Stilllegungsflächen:

• von 2005 bis 2010: von 6,7 % auf 2.1 %
• von 2011 bis 2014: von 1,9 % auf 1,6 %

In den Folgejahren nahm der Anteil wieder zu und stand 2016 bei 2,6%. Ein Grund für die Zunahme war die Reform der gemeinsamen Agrarpolitik (GAP). 30% der Direktzahlungen aus dem Agrarhaushalt der EU sind seither an so genannte „Greening-Auflagen“ gekoppelt.

Greening

Um die „Greening-Auflagen“ der EU zu erfüllen, müssen seit 2015 Betriebe mit mehr als 15 ha Ackerland 5% dieser Fläche als so genannte ökologische Vorrangfläche bereitstellen. Hierbei können auch andere brachliegende Flächen als ökologische Vorrangflächen ausgewiesen werden.

Die Richtlinie der EU beinhaltet auch Regelungen zu Pflanzenschutzmitteln, Nährstoffeintrag, Düngemitteln, Stickstoffüberschüssen und deren Eintrag in Gewässer, Eutrophierung, Nitrat im Grundwasser, Ammoniak-Emissionen in die Luft, die Belastungsgrenzen von Land-Ökosystemen und weitere Themen.

Quellen

Quellennachweis und weiterführende Links

[1.] Studie publiziert im wissenschaftlichen Journal PLOS ONE: „More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas“
https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0185809

[2.] Information zur Studie auf der Website des NABU einschließlich häufig gestellter Fragen.
https://www.nabu.de/news/2017/10/23291.html

[3.] Studie des wissenschaftlichen Magazins PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of Amerika):
„Climate-driven declines in arthropod abundance restructure a rainforest food web“
http://www.pnas.org/content/early/2018/10/09/1722477115

[4.] Publikation „Umwelt und Landwirtschaft“, Ausgabe 2018, Daten zur Umwelt
https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/daten-zur-umwelt-2018-umwelt-landwirtschaft
Download-Link:
https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/376/publikationen/uba_dzu2018_umwelt_und_landwirtschaft_web_bf_v7.pdf

[5.] Artikel über die PNAS-Studie in der Zeitschrift Washington Post
https://www.washingtonpost.com/science/2018/10/15/hyperalarming-study-shows-massive-insect-loss/?utm_term=.709d85b6405a&wpisrc=al_news__alert-hse–alert-national&wpmk=1

Aktuelle Fakten und Hintergründe

Neue Entwicklungen aus der Welt der Insekten

Auch in Zukunft wird es sicherlich interessante Neuigkeiten zum Thema geben. Um diese Seite übersichtlich zu halten, berichten wir über diese im Rahmen der Neuigkeiten, die Sie hier finden können.

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