Insektenbekämpfung hat Tradition

Seien wir ehrlich, bislang wurden Insekten von Menschen meistens bekämpft. Dies sehen wir schon am Begriff „Insektenschutz“. Bisher ist damit der Schutz des Menschen vor Insekten gemeint und nicht etwa der Schutz von Insekten. Ob Mücken, Raupen, oder Käfer – Tötung, Vertreibung und Bekämpfung von Insekten hat Tradition.

Schließlich ist in der klassischen Landwirtschaft schon lange von „Schädlingen“ die Rede, die eine Ernte in der hoch produktiven Landwirtschaft durchaus ruinieren können. Die Karriere der „Nützlinge“ hingegen begann wesentlich später. Zum Glück nimmt ihre Bedeutung im beginnenden Zeitalter der Kreislaufwirtschaft immer weiter zu.

Reichlich Gründe für Insektenschwund

Dabei gibt es so viele Gründe für den Rückgang. Zur systematischen Bekämpfung von Insekten in der Landwirtschaft, kommt unser sprichwörtlicher Hang zur Ordnung. Wir betreiben riesige Rasenflächen, die nicht blühen und planen Städte u. Parks noch immer ohne Rücksicht auf Insekten.

Als es noch keine Rasenmäher-Roboter gab, blieb immer noch ein Fenster von ein bis zwei Wochen, in denen sich auch mal Gänseblümchen entwickeln konnten. Vollautomatische Roboter mähen fast täglich. In der kurzen Zeit ist es unmöglich, eine Blüte zu bilden. Lebensräume für Insekten werden bisher allenfalls beim Greening für Landwirte berücksichtigt. Und selbst dabei geht es eigentlich um die Verbesserung der Bodenqualität.

Neue Sichtweise in Kreisläufen

Mittlerweile sind wir weiter und wechseln langsam unsere Sichtweise. Diese ist nicht mehr destruktiv und muss auch nichts vernichten. Es gibt keinen Anfang und kein Ende, die Stoffe zirkulieren, ohne dass dabei Abfall erzeugt wird. Diese Sichtweise übernimmt die Kreisläufe der Natur, anstatt dem bisherigen Paradigma des Verbrauchs und der Erschöpfung zu folgen.

Der Interessenkonflikt hat bislang dazu geführt, dass Insekten bekämpft wurden. Ohne Rücksicht auf deren Bestand. Diese Welt, in der es Insekten im Überfluss gibt, die man scheinbar folgenlos bekämpfen kann, ist vorbei. Leider haben wir den enormen Schwund der Insekten erst sehr spät bemerkt.

Die neue Situation

Mittlerweile haben wir die Flächennutzung dermaßen intensiviert, dass wenig Lebensraum für Insekten bleibt. Sie schwinden aus vielen Gründen. Gewerbe, Landwirtschaft, Wohnungsbau, das alles verbraucht Fläche, die früher Insekten beherbergten. Für wilde Blühpflanzen bleibt immer weniger.

Ein weiteres Missverständnis ist hier auch, dass viele Bürger landwirtschaftliche Flächen, wie z.B. Mais- oder Weizenfelder, zu den Lebensräumen für Insekten zählen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall, denn hier werden Insekten bekämpft. Hier müssen wir genauer hinsehen, um Räume zu finden, die sich wirklich für Insekten eignen.

Der Paukenschlag

„Mehr als 75 Prozent Verlust an Biomasse bei Fluginsekten.“

Am 18. Oktober 2017 publiziert das Wissenschaftsmagazin „PLOS ONE“ eine Studie mit dem Titel “ „More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas“[1]. Ehrenamtliche Entomologen haben dazu Daten von über 60 Standorten Zeitraum 1989 und 2015 gesammelt und ausgewertet.

Die Vereinsmitglieder sind erfahrene Insektenkundler und überwiegend ausgebildete Naturwissenschaftler. Die Durchführung und statistische Analyse wurde zudem von vielen renommierten Wissenschaftlern der University of Sussex (England) und Radboud University (Niederlande) begleitet.

Dabei wurde ein umfangreicher Datensatz über die Insektenbiomasse mit 1.503 Datenpunkten über eine Betriebszeit der Insektenfallen von 16.908 Tagen ermittelt. Dabei ist der Verlust dabei nicht spezifisch für bestimmte Biotoptypen sondern betrifft das ganze Offenland.

Die Autoren der Studie vermuten die Ursachen für die Verluste in der Landwirtschaft, obwohl die untersuchten Flächen Schutzgebiete waren. Über 90 Prozent der untersuchten Schutzgebiete sind von konventioneller Landbewirtschaftung umgeben. Das legt eine direkte und indirekte Beeinträchtigung der Insekten sehr nahe. Die Fluginsekten bleiben nicht in den Schutzgebieten, sondern haben Aktionsradien von mehreren hundert Metern.

Der massive Einsatz von Pestiziden wie Neonikotinoiden oder Pyrethroiden, macht Insekten ebenso zu schaffen wie synthetischer Mineraldünger. Hinzu kommen zu enge Fruchtfolgen und das häufige Mähen von Grünland. [2]

Wenn die Insektenbiomasse aber schon in Naturschutzgebieten so stark zurückgeht, ist es sehr wahrscheinlich, dass der Zustand von Insekten in Gebieten mit intensiver landwirtschaftlicher Nutzung noch drastischer ist.

Beunruhigendes vom Umwelt-Bundesamt

Auch die Ausgabe 2018 der Daten zur Umwelt sind beunruhigend. In der Publikation „Umwelt und Landwirtschaft“ werden ferner auch die verfehlten Ziele besprochen.

Auch diese Studie geht auf die PLOS ONE Studie ein und bestätigt den Rückgang der Biomasse von Insekten. Allerdings führt sie noch eine Reihe weiterer Studien an, die dieses Bild bestätigen. Sie kritisiert ferner, dass obwohl Insekten mehr als zwei Drittel der Landarten ausmachen, sind die Informationen über ihre Häufigkeit und Aussterberate in tropischen Lebensräumen stark eingeschränkt.

Analysiert wurden vorhandene Daten, die zwischen 1976 und 2012 in zwei verschiedenen Höhen im Luquillo-Regenwald von Puerto Rico aufgenommen wurden. Der Forscher Lister untersuchte daraufhin die gleichen Gebiete mit denselben Methoden, die bereits seit den 1970er Jahren untersucht wurde. Neben der Landwirtschaft macht diese Studie auch den Klimawandel für den deutlichen Rückgang der Biomasse von Insekten verantwortlich.

Quellen

[1.] Studie publiziert im wissenschaftlichen Journal PLOS ONE: „More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas“, https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0185809

[2.] Information zur Studie auf der Website des NABU einschließlich häufig gestellter Fragen. https://www.nabu.de/news/2017/10/23291.html

[3.] Studie des wissenschaftlichen Magazins PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of Amerika): „Climate-driven declines in arthropod abundance restructure a rainforest food web“

[4.] Publikation „Umwelt und Landwirtschaft“, Ausgabe 2018, Daten zur Umwelt

https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/daten-zur-umwelt-2018-umwelt-landwirtschaft

Download-Link: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/376/publikationen/uba_dzu2018_umwelt_und_landwirtschaft_web_bf_v7.pdf

[5.] Artikel über die PNAS-Studie in der Zeitschrift Washington Post

Download-Link: https://www.washingtonpost.com/science/2018/10/15/hyperalarming-study-shows-massive-insect-loss/?utm_term=.709d85b6405a&wpisrc=al_news__alert-hse–alert-national&wpmk=1